Januar 2013

Titelblatt

S. 10
Erinnerungen an Paul Hacker (1913–1979) - Ein Gespräch mit seiner Tochter Frau Prof. Dr. Ursula Hacker-Klom

Er war ein scharfer Denker. Kein geringerer als Joseph Ratzinger attestiert seinen Gedanken einen bleibenden Wert und eine Zukunft.
Vielen traditionstreuen Katholiken, die die letzten fünf Jahrzehnte als Kirchenkrise erleben, ist Ihr Vater als Autor in Erinnerung geblieben, der polemisch in die theologische Debatte eingegriffen hat. Zu diesen drei Bereichen würde ich Ihnen gerne Fragen stellen, das Ratzinger-Wort bedenkend, daß die Stunde der Entdeckung des Werks von Paul Hacker noch kommen werde.

S. 18
Chrêsis. Über die Methode der Kirchenväter im Umgang mit der antiken Kultur - Ein Gespräch mit Prof. Dr. Christian Gnilka

Kirchliche Umschau: Anlaß für unser Gespräch ist die stark erweiterte Neuauflage des ersten Bandes der von Ihnen herausgegebenen Reihe von Studien zur Methode der Kirchenväter im Umgang mit der antiken Kultur: „Der Begriff des rechten Gebrauchs“. Diese Reihe trägt den Namen „Chrêsis“. Würden Sie den Begriff „Chrêsis“ unseren Lesern erläutern?
Prof. Dr. Christian Gnilka: Mit dem Begriff des rechten Gebrauchs (chrêsis dikaía, usus iustus) oder einfach mit den Wörtern für „gebrauchen“ nehmen die Kirchenväter ein Lehrstück auf, das im vorchristlichen Denken eine lange Geschichte hat. Die Erkenntnis, daß Besitz nichts nützt, wenn er nicht recht gebraucht wird und daß der Wert einer Sache von der Art ihres Gebrauchs abhängt, beruht auf allgemeiner Lebenserfahrung, gewinnt aber innerhalb philosophischer Diskussion und fachwissenschaftlicher Reflexion terminologische Schärfe.
Kirchliche Umschau: Als Titelvignette Ihrer Chrêsis-Reihe verwenden Sie Bienen, die eine Blüte anfliegen, von einem Sechseck umschlossen. Warum haben die Kirchenväter in der Bienenarbeit einen bildhaften Ausdruck für den „rechten Gebrauch“ mit der antiken Kultur gefunden?
Prof. Dr. Christian Gnilka: Als Exempel aus der Natur galten die Bienen, weil sie alle Blüten anfliegen, aber nur das Brauchbare sammeln, weil sie neue Einheiten schaffen – die Waben – und eine neue Substanz erzeugen – den Honig. Dennoch dient die Chrêsis nicht der Erweiterung der Offenbarung, sondern ihrem Schutz, ihrer Vorbereitung und Darstellung.

S. 28
Glaube, Vertrauen und Sprache - Die Virulenz des Modernismus

Die anthropozentrische Sicht der göttlichen Dinge ist die für unsere fortschrittlichen Theologen zur Pflichtübung geworden ...
Weit gefährlicher noch als die inhaltliche Bestreitung der Glaubenswahrheiten, die so verschämt als ihre Neuinterpretation daherkommt, ist die Verfälschung des Glaubensbegriffes selbst, die heute an der Tagesordnung ist. Ebenso wie jene Umdeutung der Inhalte selbst geht sie auf die falsche
Auffassung von der Geschichtlichkeit der Wahrheit zurück, die wir Wilhelm Dilthey, Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer verdanken. Ihr zufolge
ändern sich der Mensch und sein Weltverständnis, ja die Wirklichkeit selber, die in ihm offenbar wird, radikal von Epoche zu Epoche. Folglich müssen die Glaubenswahrheiten ganz neu ausgesagt werden, um die Zeitgenossen heute noch zu erreichen. Denn so etwas wie „ewige“, immer gültig Wahrheiten und Aussagen gibt es nun nicht mehr und dem Menschen wird die Fähigkeit abgesprochen, sich über seine jeweilige geschichtlich-gesellschaftliche Bedingtheit zu erheben, um diese Wahrheiten so zu erkennen, wie sie an und für sich sind.

S. 32
Kirche, Hexen und Hexenprozesse - Ein Blick auf die Fakten

Daß „gerade die Kirchengerichte die Hexentötung ablehnten, während die weltlichen Obrigkeiten hier eine besondere Aufgabe sahen, wirkt bis heute frappierend.“ (Arnold Angenendt)
Die im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, errechnete und bis in die Gegenwart hinein immer wieder vorgetragene Zahl von 9 Millionen lebte von antikirchlicher Polemik und ist fern aller Realität. Gleichwohl ist die Zahl von 50.000 Opfern nicht nur bestürzend, sondern im Vergleich zu allem Vorherigen wie z. B. der Inquisition überhaupt einmalig.
Allerdings kommen die Hexenprozesse noch längst nicht an die ideologisch bedingten Millionen Massentötungen und Ausrottungsaktionen späterer „aufgeklärter“ Zeiten heran, ohne daß sie dadurch in ihrer Schrecklichkeit relativiert und durch Aufrechnungen entschuldigt werden
sollen. Allein die Französische Revolution brachte es in zwei Jahren zuwege, über 50.000 angebliche Revolutionsfeinde hinzurichten, eine Zahl, welche die Hexenprozesse erst nach 350 Jahren erzielten.

S. 4
Kirche und Welt

• Neujahrswünsche: Die Verehrung der Kindheit unseres Herrn Jesus Christus ist eines der großen Themen der Weihnachtszeit, die ja traditionell bis zum Fest Mariä Lichtmeß (2. Februar) dauert. Die Andacht zum Kind in der Krippe, die besonders im Lukas-Evangelium aufscheint, findet sich in allen Jahrhunderten, bei den Kirchenvätern.

• Hilfe in Not: Eine Schwangere, die Rat und Hilfe in Sachen Schwangerschaftskonflikt und Abtreibung sucht, geht meist ins Internet. Deswegen ist die Schwangerenhilfsorganisation Pro Femina e.V. auch verstärkt online aktiv und bietet ungewollt Schwangeren hauptsächlich im Internet Beratung und Hilfe im Konflikt an

• Neuer Anwalt der Gerechtigkeit: Der US-amerikanische Kirchenrechts-Fachmann Msgr. Robert W. Oliver ist von Papst Benedikt XVI. zum neuen Kirchenanwalt der Glaubenskongregation für schwere kirchenrechtliche Vergehen ernannt worden. Sein korrekter Titel ist „Promotore di Giustizia“. Er wird Nachfolger des maltesischen Prälaten Charles J. Scicluna, der vor wenigen Monaten zum Weihbischof erhoben wurde. Das schwierige Amt ist für Verbrechen von Klerikern bei sexuellem Mißbrauch zuständig. Der „Anwalt der Gerechtigkeit“ ist Teil der Glaubenskongregation, die die Aufgabe hat, die Glaubens- und Sittenlehre in der Kirche zu fördern und schützen.

• Mut zum Widerspruch: Papst Benedikt XVI. hat am Fest der Erscheinung des Herrn bei der Weihe von vier Bischöfen die Prälaten der Kirche zum „Mut zum Widerspruch“ gegen den herrschenden Zeitgeist aufgerufen. Der Papst sagte, daß angesichts einer verbreiteten „höchst intoleranten“ Skepsis gegenüber allen religiösen Wahrheitsansprüchen eine solche Standhaftigkeit besonders vordringlich sei. Wer den Glauben lebe und verkünde, stehe in vielen Punkten „quer zu den herrschenden Meinungen“.

• Ratloser Erzbischof: Der Kölner Erzbischof, S. Em. Joachim Kardinal Meisner, hat mit ungewohnt klaren Worten die Lage der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) beschrieben. In einem Interview sagte er selbstkritisch, man habe sich in der Kirche zu sehr dem Zeitgeist angepaßt. Der Sinn für das Heilige sei abhanden gekommen, kritisierte er gegenüber der „Tagespost“.

• Päpstlicher Segen: Das vatikanische Almosenamt hat im Jahr 2011 insgesamt 900.000 Euro für Bedürftige bereitgestellt. Es entsprach damit 7.000 Hilfegesuchen, wie der neue päpstliche Almosenier, S. Ex. Erzbischof Guido Pozzo, in einem Interview mit dem „L’Osservatore Romano“ angab. Empfänger seien nicht nur Einzelpersonen, sondern auch rund 50 mildtätige Einrichtungen, sagte der Prälat.

• Willkomm en zu Hause: Am 1. Januar ist in England eine neue Kongregation errichtet worden. Elf Schwestern der anglikanischen „Communitiy of Saint Mary the Virgin“ bekannten in Oxford in einer Zeremonie den katholischen Glauben und konvertierten zur römischen Kirche, der einzigen Arche des Heils. Als Teil des Personalordinariates Unserer lieben Frau von Walsingham wurden sie als Ordensgemeinschaft auf Grundlage der Benediktsregel kanonisch errichtet.

• Keine Gewalt gegen Geborene und Ungeborene: Papst Benedikt XVI. hat beim Neujahrsempfang für die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Corps zum Frieden in der Welt aufgerufen.

• Islamisches Kalifat: Die mit Rom verbundene Koptisch-katholische Kirche in Ägypten hat scharfe Kritik an der neuen Verfassung des Landes geübt. Drei Bischöfe sind mit einem Papier an die Öffentlichkeit getreten, das das Grundgesetz der Nilrepublik als „Wegbereiter eines islamischen Kalifats“ bezeichnet.

• Vernichtung menschlichen Lebens: Im britischen Königreich wurden in den vergangenen Jahren 1,7 Millionen menschliche Embryonen, die durch In-Vitro-Fertilisation (lat. „Befruchtung im Glas“) ins Leben getreten sind, vernichtet.

S. 13
Aufsätze zur Kirchenkrise. Von Paul Hacker. Neu herausgegeben - Ein Interview mit seinem ehemaligen Schüler Dr. Rudolf Kaschewsky

Kirchliche Umschau: Sie haben 2001 die Neuauflage des Buches „Das Ich im Glauben von Martin Luther“ in der Edition Kirchliche Umschau mit einem Vorwort versehen. 2017 begehen wir das „Reformationsjubiläum“. Welchen Beitrag könnte das Buch leisten, das 1966 bei der Erstauflage nicht überall Freunde gefunden hat und de facto nicht rezipiert wurde?
Dr. Rudolf Kaschewsky: Die Reaktion auf Hackers Lutherbuch muß man leider als ein einziges Fiasko bezeichnen. Hacker selbst sagt sarkastisch: „Das Buch wurde in vorbildlicher ökumenischer Zusammenarbeit von Katholiken und Protestanten totgeschwiegen, der Rest der Auflage wurde schließlich vom Styria-Verlag vernichtet.“ Genau das ist der Punkt: Diese „vorbildliche ökumenische Zusammenarbeit“ will sich doch nicht dreinreden lassen, will doch nicht auf die eigentlich klaren und für jedermann nachvollziehbaren Verirrungen Luthers antworten müssen. Dabei zeigt doch dessen Ich-Bezogenheit, das „La réligion – c’est moi“, das Hacker minutiös aufgedeckt hat, den völlig subjektiven Ausgangspunkt, auf dem das ganze Lehrgebäude Luthers gegründet ist. Und das beschämende Nachplappern protestantischer Standpunkte und Wertungen seitens (sog.) katholischer Theologen – von Hacker immer wieder angekreidet – zeigt zur Genüge, daß das „Reformationsjubiläum“ auf ein grandioses Jubeln hinausläuft. Ob wir es schaffen, in dem verbleibenden Jahrfünft, aufbauend auf dem Werk Paul Hackers jenen, die sich eine gewisse Urteilskraft bewahrt haben, die Augen zu öffnen?

S. 42
„Seht, angekommen ist der Herrscher, der Herr ...“ - Unsere Zeit braucht die Einheit von Liturgie und Leben

Das Fest, das im Volksmund Dreikönig genannt wird, trägt in der Sprache der Liturgie den Namen „Epiphanie“, was übersetzt heißt: „Erscheinung“. Epiphanie ist das Christkönigfest für das Christkind. Wir kennen viele Darstellungen, wie es auf den Armen seiner Mutter thront und in der Hand die Weltkugel trägt. So lieblich diese Darstellung ist, sie ist nicht nur schön, sondern sie stellt die Wahrheit dar. Der ganze Erdkreis, alle Völker und Nationen sind in die Hand dieses Kindes gegeben. Sein Mund wird später sprechen: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.“
Es ist immer wieder wichtig, daß wir die Einheit von Liturgie und Leben, von Glauben und Leben betonen. Wir können nicht in der Kirche Christkönigslieder singen und draußen all das wieder vergessen, als ob wir in zwei Welten leben würden. Das ist uns unmöglich.

S. 48
Neuevangelisierung. Warum der Konzilskatechismus nicht hält, was er verspricht - Problematischer Optimismus des II. Vatikanums bei seiner Beurteilung des Islams

Das II. Vatikanum hat eine andere, eine „neue“ Sicht auf die nicht-christlichen Religionen gebracht. Kardinal Kasper spricht von einem neuen „dialogischen Verhältnis“. Wie ist das aber mit dem Befund des jungen Joseph Ratzinger zu verbinden, der 1967 eingestehen mußte, daß viele negative Elemente der Weltreligionen in „Nostra aetate“ verschwiegen worden seien?
Dr. Barth befaßt sich in diesem Teil seines Fortsetzungsartikels mit einigen Facetten des Islam, dessen Ergebnisse die optimistische Sicht in den Konzilsdokumenten zum Thema Muslime, hinterfragen. Doch diese Konzilsaussagen bestimmen die Optik des von Johannes Paul II. approbierten „Katechismus der Katholischen Kirche“.