Juli/August, Sonderausgabe 2016

Titelblatt

S. 3
Sonderausgabe

Diese Sonderausgabe der Kirchlichen Umschau befaßt sich ausschließlich mit „Amors Laetitia“, dem Dokument, das die Gläubigen zutiefst verunsichert hat.

Daher hat die Redaktion der Kirchlichen Umschau den Bonner Hochschullehrer der Klassischen Philologie Dr. Heinz-Lothar Barth gebeten, „Amoris laetitia“ für die Leser zu kommentieren. Vom Standpunkt der kirchlichen Überlieferung folgt er den einzelnen Kapiteln des Dokuments und übt die vom Papst ausdrücklich gewünschte ‚Parrhesia‘, den Freimut in der Verteidigung der katholischen Lehre.

Die Antwort der Katholiken auf die tiefe Krise, in der das kirchliche Leben sich befindet, muß eine noch größere Treue zur Überlieferung der Römischen Kirche, unserer Mutter, sein.

S. 4
„Amoris Laetitia“ – Hält Franziskus „an der Lehre seiner Vorgänger fest“ oder „hat er das Chaos zum Prinzip erhoben“?

Auffällig ist die unterschiedliche Einschätzung des Textes bei verschiedenen Kommentatoren. Dabei lassen sich grundsätzlich drei Tendenzen unterscheiden:

Die Progressisten sind mehrheitlich mit dem Text zufrieden. Denn sie sehen, wohl zu Recht, voraus, wie bestimmte Ausnahmen zur Regel werden dürften, die der Papst für die Zulassung zivil wiederverheirateter Geschiedener zum Altarsakrament andeutet. Die Konservativen teilen sich in zwei Untergruppen. Die einen haben den ungeheuren Sprengstoff erkannt, der in dem päpstlichen Text liegt, und nennen ihn teils etwas vorsichtiger, teils ganz deutlich beim Namen. Die andere Gruppe ist eher zögerlich, scheint die Probleme zwar auch zu sehen, neigt aber zu einer Verharmlosung der Gefahr.

S. 12
Das Vorwort

Zentral für das Verständnis des gesamten päpstlichen Dokumentes ist folgender Satz aus Nr. 5: „Dieses Schreiben gewinnt eine spezielle Bedeutung im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit.“ Aber die Gerechtigkeit Gottes tritt auch im ganzen Dokument „Amoris laetitia“ hinter die Barmherzigkeit fast völlig zurück – eine der großen Schwächen des Textes, wie wir noch ausführlicher darstellen werden.

S. 14
Kapitel 1: Im Licht des Wortes

Im ersten Kapitel „Im Licht des Wortes“ wird anhand von Ps. 127/128 die Schönheit von Ehe und Familie vorgestellt, die sich unter den Schutz Gottes stellt. Der Familie wird betont (Nr. 17 f.). Der Papst hebt die Bedeutung der „Zärtlichkeit“ als Zeichen „zarter und sanfter Vertrautheit“ hervor, sicher nicht zu Unrecht, wenn man manche Eiseskälte auch in an sich noch katholischen Familien beobachten muß.

S. 16
Kapitel 2: Die Wirklichkeit und die Herausforderungen der Familie

Kommen wir zum zweiten Kapitel „Die Wirklichkeit und die Herausforderungen der Familie“. Zu Recht sieht der Papst in der Schnellebigkeit des modernen Menschen, seiner partiellen Unfähigkeit, sich für etwas auf Dauer zu entscheiden, sowie im persönlichen Egoismus, die größten Hürden für wirklich christliche Ehen und Familien. Sehr bedenklich sind die Ausführungen in Nr. 52. Oberflächlich betrachtet klingt der entscheidende Satz zunächst einmal recht passabel: „Es wird nicht mehr in aller Klarheit wahrgenommen, dass nur die ausschließliche und unauflösliche Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau eine vollkommene gesellschaftliche Funktion erfüllt, weil sie eine beständige Verpflichtung ist und die Fruchtbarkeit ermöglicht.“ In diesem Satz stößt jedoch bei näherem Zusehen das Attribut „vollkommen“ übel auf. Gibt es also auch Formen des sexuellen Zusammenlebens, die „eine unvollkommene, aber doch vorhandene gesellschaftliche Funktion erfüllen“? Daß ich mich hier keiner Überinterpretation schuldig mache, beweist der unmittelbar sich anschließende Satz: „Wir müssen die große Vielfalt familiärer Situationen anerkennen, die einen gewissen Halt bieten können.“ Das Verb „anerkennen“ ist ein Skandal! Dabei kann es sich kaum nur um die Konstatierung eines Faktums handeln. Vielmehr liegt offenbar eine partielle und bedingte Billigung eines Factums vor.

S. 24
Kapitel 3: Auf Jesus schauen – Die Berufung der Familie

Prinzipiell erfreulich ist, daß der Papst in Nr. 75 betont: „Nach der lateinischen Tradition der Kirche sind der Mann und die Frau, die heiraten, die Spender des Sakraments der Ehe.“ Allerdings hätte Franziskus die an sich richtige Aussage nicht auf die „lateinische Tradition“ beschränken sollen. Denn so könnte man annehmen, eine davon abweichende östliche Tradition habe ebenso ihre Berechtigung.

Erfreulich ist das Eintreten des Papstes für das Elternrecht auf Erziehung der Kinder. Die Kirche hat sie in dieser Aufgabe zu unterstützen. Schließlich fand der Papst auch tröstliche Worte für jene Ehepaare, die ohne Schuld kinderlos geblieben sind: „Daher können auch die Eheleute, denen Gott Kindersegen versagt hat, dennoch ein menschlich und christlich sinnvolles Leben führen.“

S. 26
Kapitel 4: Die Liebe in der Ehe

Das vierte Kapitel „Die Liebe in der Ehe“ enthält eine ganze Reihe sehr schöner Bemerkungen, die wir hier nur summarisch aufzählen können.

Nun enthält das vierte Kapitel, das aufs Ganze gesehen zusammen mit dem fünften das schönste sein dürfte, auch Mängel, von denen einige sogar schwer wiegen.

S. 33
Kapitel 5: Die Liebe, die fruchtbar wird

In diesem Kapitel ist, wenn ich recht sehe, nicht so viel wie im vorangegangenen zu beanstanden. Der Papst belehrt die Ehepaare, wie es die katholische Kirche immer getan hat, großzügig bei der Zeugung von Nachwuchs zu sein: „Die kinderreichen Familien sind eine Freude für die Kirche“ Im folgenden schließt er sich Johannes Paul II. an, der freilich mahnte, hierbei verantwortungsbewußt und unter Rücksichtnahme auf die eigene ökonomische Situation und die erzieherischen Kräfte vorzugehen. Ähnliches hatte man auch schon bei Papst Pius XII. hören können. Wenn sich das Geschenk leiblicher Kinder nicht einstellt, empfiehlt der Papst, gegebenenfalls großzügig fremde Kinder zu adoptieren und ihnen ein christliches Elternhaus zur Verfügung zu stellen. Besonders schön gelungen sind die Ausführungen des Heiligen Vaters zu den „alten Menschen“: „Eine Zivilisation, in der es keinen Platz für die alten Menschen gibt, oder wo sie ausgesondert werden, weil sie Probleme verursachen – diese Gesellschaft trägt den (besser: das, H-L B) Virus des Todes in sich, weil sie ‚sich von den eigenen Wurzeln losreißt.‘“

S. 35
Kapitel 6: Einige pastorale Perspektiven

Der Papst mahnt hier u. a. völlig zu Recht an, daß die Ehen besser vorbereitet werden müßten. Dazu gehört einerseits, daß die Priesterkandidaten in allem, was mit dem Sakrament zusammenhängt, gut geschult sind.

Angemessen ist vom spirituellen Standpunkt aus die Empfehlung, die häufige Beichte in Ehe und Familie zu praktizieren; für diese zeitgeistwidrige Mahnung kann man dem Papst nur dankbar sein.

Teilweise erfreulich ist auch die Position des Papstes zur Homosexualität in diesem Kapitel. Wenn Franziskus einen vom christlichen Geist der Liebe und Güte geprägten Umgang mit Homosexuellen fordert, so entspricht das durchaus der katholischen Lehre. „In Bezug auf die Familien kommt es hingegen darauf an, eine respektvolle Begleitung zu gewährleisten, damit diejenigen, welche die homosexuelle Tendenz zeigen, die notwendigen Hilfen bekommen können, um den Willen Gottes in ihrem Leben zu begreifen und ganz zu erfüllen.“ Ich nehme an, daß der Papst damit meint, daß sie ihrer naturwidrigen Veranlagung nicht folgen dürfen, damit sie keine schwere Sünde begehen. Freilich wäre es besser, wenn ein oberster Lehrer der Kirche so etwas ganz klar formulierte.

Gravierend sind andere Aussagen des Papstes im Kapitel 6. Zum einen ist ein eher sorgloser Umgang mit dem, was man früher „Mischehen“ nannte, zu beklagen. Es werden zwar Probleme bei konfessionsverschiedenen Ehe. zugegeben, die „besondere Aufmerksamkeit erfordern“. Auf der anderen Seite werden solche Verbindungen jedoch positiv gewürdigt, „sei es wegen ihres inneren Wertes, sei es wegen des Beitrags, den sie in die ökumenische Bewegung einbringen können“. Der katholische Moraltheologe Joachim Piegsa dürfte die wahre Lage der allermeisten „ökumenischen“ Ehen realistischer und damit treffender beurteilt haben: „Die Konfessionsverschiedenheit hat selten zur gegenseitigen Bereicherung, meistens zur Preisgabe religiöser Praxis geführt.“

Bleibt aus dem 6. Kapitel noch ein letzter Komplex zu behandeln, der nicht unsere Zustimmung erwarten kann. Es geht hier schon um die sog. gescheiterten Ehen, auf die wir noch ausführlich in der Besprechung des achten Kapitels zurückkommen werden. In Nr. 243 schreibt Franziskus: „Was die Geschiedenen in neuer Verbindung betrifft, ist es wichtig, sie spüren zu lassen, dass sie Teil der Kirche sind, dass sie ‚keineswegs exkommuniziert‘ sind und nicht so behandelt werden, weil sie immer Teil der kirchlichen Communio sind.“ Das sind sie in der Tat, nur leider sind sie, solange sie in der schweren Sünde verharren, keine lebendigen, sondern tote Glieder der kirchlichen Communio, da ihnen das göttliche Gnadenleben abhanden gekommen ist.

S. 40
Kapitel 7: Die Erziehung der Kinder stärken

Dieses Kapitel enthält keinen Anlaß zu einer ablehnenden Kritik. Es wird in mehreren Abschnitten an die Erziehungspflicht der Eltern erinnert. Das siebte Kapitel endet mit einem Aufruf, den Glauben an die Kinder weiterzugeben. Hier finden sich wertvolle Ratschläge, die auch ganz auf die gelebte Praxis abzielen.

S. 42
Kapitel 9: Spiritualität in Ehe und Familie

Wir ziehen hier die Besprechung des kurzen letzten Kapitels vor. Einerseits schließt es sich inhaltlich in gewisser Weise an die zuvor von uns behandelten Abschnitte an. Außerdem kann so die ausführliche Auseinandersetzung mit Kapitel 8, dem mit Abstand kritikwürdigsten Teil des Apostolischen Schreibens, den Höhepunkt und Abschluß unserer Ausführungen zu „Amoris laetitia“ bilden.

Der Papst preist noch einmal die eheliche Liebe. Franziskus mahnt ferner zum Gebet in der Familie und zur gemeinsamen Teilnahme an „verschiedenen Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit“, die „für viele Familien ein Schatz der Spiritualität“ seien.

S. 43
Kapitel 8: Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern

Wenn man die vielen gehaltvollen und schönen Sätze zur ehelichen Treue und zu ihrer Umsetzung in die Praxis des täglichen Lebens gelesen hat, ist man erstaunt, was Franziskus so alles im achten Kapitel vorträgt.

Im ersten Abschnitt, ist in nuce das ganze Programm fixiert, mit dem der Papst dann im folgenden wesentliche Grundlagen der katholischen Kirche nicht nach der offiziellen Lehre, aber in der Lebenspraxis aushebelt.

Welches Prinzip steckt hinter Sätzen, die ein Stufenmodell, vertreten und von vollkommener und unvollkommener bzw. weniger vollkommener Verwirklichung sprechen? Es handelt sich um den additiven Wahrheitsbegriff. Wahrheit wird in „Teilwahrheiten“ zerstückelt, und dann betont, daß diese oder jene falsche Konfession und falsche Religion doch über viele solcher Teilwahrheiten verfüge und deshalb nicht als an und in sich schlecht bewertet werden dürfe. Doch wenn ein geschlossenes System auch nur einen Fehler enthält, ist das System als Ganzes betrachtet falsch. Jenes falsche Prinzip des additistischen Wahrheitsbegriffs überträgt der regierende Papst nun auf die Praxis des christlichen Lebens. Damit läßt sich mit Berufung auf das Kirchenoberhaupt die gesamte Morallehre aushöhlen.

Am Ende unserer Ausführungen können wir uns nur den Worten des Generaloberen der Priesterbruderschaft St. Pius X. aus dem Abschluß seiner offiziellen Stellungnahme anschließen: „Wir bitten den Heiligen Vater in aller Demut, aber auch mit Bestimmtheit, das Mahnschreiben Amoris laetitia zu revidieren … – zur Ehre Gottes, zum Wohle der ganzen Kirche, zum Heil der Seelen, insbesondere jener, die in Gefahr sind, sich vom Schein einer falschen Barmherzigkeit täuschen zu lassen.“